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Lebendes Fossil




H. Jörg Adler: Die ungewöhnliche Begegnung mit einem „lebenden Fossil“

Zur Vorgeschichte
Seit Millionen Jahren leben Lederschildkröten (Dermochelys coriacea) in den Weltmeeren. Dieseriesigen, bis zu 250 cm langen und 700 bis 900 kg schweren Meeresschildkröten haben bisher alle globalen Veränderungen ihrer Lebensräume in nahezu unveränderter Form überlebt. Doch in den letzten zwei Jahrzehnten ist ihr Gesamtbestand nach vorsichtigen Schätzungen weit über die Hälfte, möglicherweise bis zu 95 % zurück gegangen. Ursachen sind die Verschmutzung der Meere (z.B. verwechseln die Lederschildkröten Plastiktüten mit ihrer Hauptnahrung, den Quallen, und ersticken dann elendiglich), der Krabbenfang (die Schildkröten ersticken in den Netzen), und der noch bis in die letzten Jahre währende Raub der frisch gelegten Eier, die als potenzfördernde Leckerbissen auf den illegalen Märkten angeboten werden. So ist es kein Wunder, dass die Zahl der weiblichen Tiere, die zu der legendären Eiablage noch nach Jahrzehnten an die Strände ihres Schlupfes zurück kehren, immer geringer wird.






Wer einmal neben einer Lederschildkröte gesessen hat, wenn sie (ausschließlich nachts) mit ihren Hinterbeinen, die wie riesige Flossen wirken, ein bis zu 80 cm tiefes Loch in den höher gelegenen Strandabschnitt „geschaufelt“ hat; wer erlebt hat, wie sie mit gelegentlichem Stöhnen in weniger als einer halben Stunde 60 bis 100 Eier in diese Bruthöhle legt (die letzten ca. 10 Eier sind unbefruchtet und dienen als Flüssigkeitsreservoir für die Brutdauer); wer erlebt hat, wie sorgfältig diese riesigen, an Land schwerfälligen Tiere dieses Loch dann wieder zuschaufeln, wer dieses mystisch anwirkende Naturwunder einmal erlebt hat, wird diese Stunde niemals vergessen!






So auch ich, als ich im November den Meerespark LAS BAULAS in Costa Rica besuchte, um hoffentlich einer Eiablage beiwohnen zu können. Ich durfte! Gemeinsam mit einer Hand voll Touristen wurde ich kurz nach Mitternacht von einem Mitarbeiter des Nationalparks an den Strandabschnitt geführt, an dem die erste der Lederschildkröten (fünf in dieser Nacht) bereits mit dem Graben des Loches beschäftigt war. Eine halbe Stunde konnten wir die Eiablage hautnah miterleben; bei schwachem Rotlicht und ausschließlich am Hinterleib des 151 cm langen, ca. 400 kg schweren Reptils sitzend durfte keinesfalls geblitzt oder laut gesprochen werden. Auch auf dem Weg zum Strand und zurück ins Meer dürfen die Tiere nicht durch Fremde gestört werden. So blieb mir das wahre Ausmaß und das ungewöhnliche Aussehen dieser Schildkröte, die keinen Panzer trägt, sondern durch eine skurril gemusterte, von einer dicken Fettschicht unterfütterten Lederhaut geschützt wird, im Dunkel der Nacht verborgen. Glaubte ich zumindest bis zum nächsten Morgen...






Das Ereignis
...als ich beschloss, mein morgendliches Jogging am Strand zu absolvieren. In der Hoffnung, wenigstens noch eine der nächtlichen Spuren der ins Meer zurückgekehrten Schildkröten zu sehen, steckte ich meinen digitalen Minifotoapparat in die Hosentasche. Eine der Spuren fand ich bald, und nach wenigen Kilometern am menschenleeren Strand traf ich auf einem trockenen Strandabschnitt inmitten eines während der Ebbe zurückströmenden Priels auf eine Lederschildkröte! Ich traf ein Tier, dass bisher nur wenige Menschen am Tage zu Gesicht bekommen haben, denn bei Tagesanbruch sind sie längst wieder im Meer verschwunden.






Wie später rekapituliert wurde, hatte diese Schildkröte offenbar relativ spät und wegen der in dieser Nacht besonders hohen Flut extrem weit vom normalen Meeressaum ihre Eier abgelegt. Bei der Rückkehr verlor sie dann offenbar durch die Bildung mehrerer Priele die Orientierung und fand nicht allein den direkten Weg zum offenen Wasser. Das Tier wirkte stark geschwächt, bewegte sich nur sehr langsam und machte aller drei bis fünf „Schritte“ eine lange Pause, häufig unterbrochen durch ein lautes, an Brüllen grenzendes Stöhnen.






Nachdem weitere „Schaulustige“ eingetroffen waren, konnte endliche eine telefonische Verbindung zur Nationalparkverwaltung hergestellt werden und bald traf ein erster Park-Ranger ein, der verzweifelt versuchte, das 350 bis 400 kg schwere Tier zumindest in Richtung Meer zu lenken. Es fand sich auch ein Behältnis, um den trockenen Körper der Schildkröte mit Meerwasser zu begießen. Doch die Entfernung zum offenen Meer war so weit, dass auch der herbei geeilte Chef des Nationalparks Bedenken hatte, ob der massige Körper unter diesen Umständen aus eigener Kraft den Weg schaffen würde. Ich schlug vor, ein Netz zu organisieren und dann mit Hilfe der immer zahlreicher werdenden Touristen die Schildkröte schrittweise zum Meer zu tragen. Dies geschah dann auch und nach einigen Fehlversuchen konnte die Lederschildkröte einigermaßen wohlbehalten im Pazifik verschwinden.






Es bleibt anzumerken, dass Playa Grande, der seit 1991 zum Meeresnationalpark Las Baulas gehörende, durchschnittlich 50 m breite Strandabschnitt als einer der wichtigsten Eiablageplätze für die Lederschildkröten an der gesamten Pazifikküste gilt, und das von mir erlebte Phänomen der Begegnung mit einer Lederschildkröte am Tage erst zum zweiten Mal überhaupt für Costa Rica bekannt wurde.






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